Die LGBTIQ-Dachverbände LOS, Pink Cross, Transgender Network Switzerland, InterAction und die Organisationskomitees der Schweizer Prides sind bestürzt über den Anschlag auf den CSD Berlin. Wir sprechen allen Betroffenen und ihren Angehörigen unser tiefstes Mitgefühl aus. Die Ereignisse in Berlin werfen nicht nur Fragen zur Sicherheit der Prides in der Schweiz auf, sondern auch zum Sicherheitsgefühl der queeren Community und ihren Nächsten.
von Alessandra Widmer (sie/ihr) | 27.07.2026
Anteilnahme in Community und Gesellschaft
Die traurigen Nachrichten aus Berlin haben auch in der Schweiz die queere Community stark bewegt: «Wir sind zutiefst betroffen: der CSD Berlin ist jetzt das Gesprächsthema Nummer eins. Zwischen Angst, Trauer und Wut wird aber auch Entschlossenheit und Zusammenhalt sichtbar: Wir stützen einander jetzt gegenseitig» sagt Alessandra Widmer, Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS). Sie hält auch klar fest: «Eine starke Community ist wichtig – aber sie soll nicht allein die Verantwortung tragen müssen. Es braucht die klare Haltung, den Schutz und das entschlossene Handeln von Gesellschaft und Politik, damit LGBTIQ+ Menschen überall frei, sicher und ohne Angst leben können.»
Die Schweiz, ein Land der Prides
Trotz vermehrten Angriffen und Hate Crimes auf LGBTIQ+ Personen, finden in der Schweiz jährlich mehr Pride und CSD-Veranstaltungen statt – alle organisiert auf freiwilliger Basis. In Zürich, Lausanne, Bern, Basel, aber auch in Winterthur, Lichtensteig und Liestal setzen sich Vereine dieses Jahr für die Rechte und Sichtbarkeit von LGBTIQ+ Personen ein. Noch bevor stehen die Demonstrationen in Chur und Aarau: «Das Organisationsteam der Khur Pride hat sich am Sonntag zu einer Sitzung getroffen und besprochen, was wir konkret tun können, um den Menschen Sicherheit und Halt zu geben. Wir prüfen jetzt genau, was es braucht, dass die Pride in Graubünden in einem Monat stattfinden kann», sagt Bianca Gansner, Vorstandsmitglied der Khur Pride. Auch wenn die Konsequenzen noch schwer abzuschäzen sind, sind die Pride-Vereine sich ihrer Verantwortung bewusst und werden auch in Zukunft umso entschlossener Demonstrationen und Veranstaltungen für die queere Community organisieren: «Am letzten Samstag haben an der Bern Pride über 10’000 Leute für die Rechte der LGBTIQ+ Community demonstriert – der Angriff in Berlin zeigt uns klar auf, warum dies auch in Zukunft nötig sein wird», sagt Tim Luca Binda, Medienverantwortlicher der Bern Pride.
Behörden anerkennen den Schutzbedarf von LGBTIQ+ Personen
Auch die Schweizer Behörden nehmen die wachsende Bedrohung ernst: 2025 hat der Bundesrat die Mittel der Finanzhilfen für Massnahmen zur Unterstützung der Sicherheit von Minderheiten aufgestockt und damit u.a. das besondere Schutzbedürfnis von LGBTIQ+ Communities anerkannt. Gaé Colussi, Vorstandsmitglied der Lausanne Pride, ordnet ein: «Auch wir haben für die Lausanne Pride Finanzhilfen beantragt und konnten so einen Teil unserer Sicherheitskosten decken. Auch wenn ein Risiko nie komplett ausgeschlossen werden kann, ist es unglaublich wichtig, dass die Behörden sensibel und unkompliziert mit den Pride-Organisationen zusammenarbeiten und sie dabei unterstützen, in Sicherheit für die eigenen Rechte einzustehen.»
Investitionen in Prävention und Fürsorge
Auch wenn die Schweiz in vieler Hinsicht bereits solide aufgestellt ist, sehen die nationalen LGBTIQ-Dachverbände klaren Handlungsbedarf. Adrian Knecht, Co-Präsident von Pink Cross, gibt zu bedenken: «Auch in relativer Sicherheit steigen hier in der Schweiz die Zahlen der Hassverbrechen, queerfeindliche Positionen erhalten ein zunehmendes mediales Echo. Es fehlt ein Bewusstsein dafür, mit wie viel Aufwand Projekte wie die LGBTIQ-Helpline von der Community getragen werden und wie bitternötig sie sind und bleiben, um die Ängste und Sorgen von queeren Menschen aufzufangen.»
Nicht nur der Umgang mit Hass und dessen Konsequenzen muss verbessert werden, auch eine aktivere Haltung wünschen sich die Dachverbände: «Die Schweiz braucht einen beherzten Plan gegen queerfeindliche Radikalisierung. Auch im neuen Aktionsplan des Bundesrates gegen Hate Crimes fehlen Täterprävention, Massnahmen gegen Hassgruppen und jegliches Monitoring von Aufwiegelung gegen queere Personen», gibt Jann Kraus, Vorstandsmitglied von Transgender Network Switzerland, zu bedenken.
Unterzeichnende Prides
- Basel tickt bunt!
- Bern Pride
- CSD Baselland
- CSD Bern
- CSD Winti
- CSD Zürich
- Geneva Pride
- Khur Pride
- Lausanne Pride
- Pride Aargau
- Pride St. Gallen
- Pride Zentralschweiz
- Zurich Pride
Angst, Trauer, Wut? Bleibe mit deinen Gefühlen nicht alleine: Wir hören zu! LGBTIQ Helpline
Von Montag-Freitag, jeweils 19–21 Uhr per Telefon und Chat. Jederzeit per E-Mail.
0800 133 133 | www.lgbtiq-helpline.ch | hello@lgbtiq-helpline.ch
Die LGBTIQ Helpline ist die erste Anlaufstelle für alle Anliegen zum Leben als lesbische, schwule, bisexuelle, trans, nicht-binäre, inter oder queere Person. Sie ist eine Peer-to-Peer Beratungsstelle und die Meldestelle für LGBTIQ-feindliche Gewalt. Das Beratungsangebot richtet sich an alle Menschen, welche Fragen und Anliegen zum LGBTIQ-Lebensumfeld haben.