Zeit für radikale Liebe
Zeit für radikale Liebe
Soll die Kirche gleichgeschlechtliche Paare trauen?
Eine Pfarrerin, die mit einer Frau zusammen ist, nimmt Stellung.
Sie sagt: Unsere Werte zu hinterfragen, ist im Sinne Jesu.
Soll die Kirche gleichgeschlechtliche Paare trauen?
Eine Pfarrerin, die mit einer Frau zusammen ist, nimmt Stellung.
Sie sagt: Unsere Werte zu hinterfragen, ist im Sinne Jesu.
von Priscilla Schwendimann, Pfarrerin
Seit der Rundschau vom 24.10.19 ist klar: Innerhalb der reformierten Kirchen der Schweiz herrscht Streit. Streit darüber, wie sich die Kirche zum Thema Ehe für alle zu verhalten hat. Es geht dabei nicht um die zivilrechtliche Ehe, sondern um die Frage, wie sich die Kirche zu Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare in der Kirche stellt, wenn die Ehe für alle in der Schweiz eingeführt wird. Vom 3.-4.11.2019 tagt nun die Abgeordnetenversammlung des Kirchenbundes (SEK) und wird über diese Frage entscheiden.
Ich selbst lebe seit über 7 Jahren mit einer Frau zusammen und zugegeben, mein Glaube ist mir wichtig. Gott ist mir wichtig und der Spagat zwischen Glaube und meiner sexuellen Orientierung machte mir jahrelang zu schaffen. Ich habe mich von Menschen beirren lassen, die mir gesagt haben: „Gott will Dich so nicht“ und „Gott segnet Dich und Deine Frau sicher nicht!“.
Kämpfen, bis es wehtut
Als Pfarrerin habe ich mich ganz gezielt mit den biblischen Texten auseinandergesetzt und bin zu einem anderen Schluss gekommen. Gerade eine Geschichte in der Bibel ist mir da besonders wichtig geworden: die Geschichte von Jakob. Jakob ist ein Mann in der Bibel, der auf der Flucht ist und irgendwann von einem Mann überfallen wird. Sie streiten sich und der Mann bricht Jakob die Hüfte. Irgendwann mag der Mann nicht mehr und bittet Jakob ihn gehen zu lassen. Jakob sagt: „Ich lasse dich nur gehen, wenn du mich segnest.“ Und das wird er dann auch. Jakob ringt um den Segen Gottes und erhält ihn.
Der Spagat zwischen Glaube und meiner sexuellen Orientierung machte mir jahrelang zu schaffen.
Die Geschichte berührt mich und bekommt für mich im Kontext der Ehe für alle eine komplett neue Dimension. Ich kämpfe – mit vielen anderen – dafür, dass auch ich den Segen Gottes bekomme. Und ich kämpfe so sehr, dass es weh tut. Über den Segen Gottes verfüge ich nicht, aber ich vertraue darauf, dass ich, wie im Falle Jakobs, gesegnet werde. Denn nicht ich segne, sondern Gott.
Und dann gibt es da eben noch Jesus. Jesus ist so ein wenig unser Superstar. Und Jesus ist einfach so anders! Er hat Dinge nie so gemacht, wie andere das erwartet haben und es gab eine Gruppierung, die ihn gar nicht mochte: die Pharisäer. Das ist zur damaligen Zeit eine Gruppe gewesen, die man/frau heute mit den Pfarrpersonen vergleichen könnte. Aber eben nicht mit allen, sondern mit denen, die es eben besonders ernst genommen haben mit dem Wort Gottes. Sie wussten ALLES. Ja, wirklich alles. Und sie achteten penibel darauf, dass alle um sie herum wussten, dass sie die einzig wahren Gläubigen waren, die wussten, was richtig und was falsch ist. Und als dann Jesus kam, waren sie ziemlich wütend. Denn Jesus machte einfach nicht das, was sie als wahr erachteten. Er brach in ihren Augen immer wieder die Gesetze. Er war eben gerade nicht bibeltreu. Er war jemand, der die Tora so auslegte, wie es noch nie jemand getan hatte. Und es gibt eine besondere Geschichte in der Bibel, als jemand zu ihm sagt (paraphrasiert): „Hey Jesus, das, was du machst, ist falsch. Du brichst die Regeln, die Gott uns gegeben hat! Du kannst gar nicht von Gott sein.“ Jesus dreht sich um, schaut der Person tief in die Augen (okay, ob das passiert ist, weiss ich nicht, aber so stelle ich mir das vor) und sagt: „Hey Junge, alle Gesetze, die Gott den Menschen gegeben hat, die sind nicht da, weil Gott sie an und für sich toll findet, sondern Gott hat sie für den Menschen gemacht, um ihm Gutes zu tun.“
Gottes Liebe ist nicht beschränkt
Jesus sagt: Vergiss die ganze Theologie, vergiss alle Gesetze, alle Dos und Don‘ts. Alles, was da ist, ist für einen einzigen Zweck da: dass der Mensch in Frieden und in Liebe mit sich selbst, seinen Mitmenschen und mit Gott leben kann.
Jesus hat radikale Liebe gelebt und vielleicht ist es an der Zeit, dies auch beim Thema Ehe für alle zu tun.
Jesus fordert uns radikal auf, uns immer wieder neu zu hinterfragen, warum wir tun, was wir tun. Alles, was in der Bibel steht, sind Geschichten – Geschichten von Menschen, die Gott erlebt haben. Einen Gott, der ein radikales Ja zu ihnen hat und zwar ganz einfach aus dem Grund, dass Gott sie geschaffen hat. Wir können an dem Ja Gottes zu uns nichts ändern. Es steht einfach fest. Und Jesus hilft mir immer wieder, dieses Ja und die damit verbundene Liebe Gottes zum Menschen zu verstehen und nicht den einzelnen Buchstaben zu sehen. Die Bibel sagt dazu: Wenn ihr alles auf der Welt habt, die absolute Weisheit, den perfekten Glauben, alle Sprachen sprecht, aber es fehlt euch die Liebe - dann habt ihr nichts. (1. Kor 13)
Jesus hat radikale Liebe gelebt und vielleicht ist es an der Zeit, dies auch zu tun beim Thema Ehe für alle. Die Liebe Gottes ist nicht beschränkt – das macht Jesus unmissverständlich klar, und die Geschichte von Jakob zeigt mir, dass der Segen, den ich nicht besitze und den ich nicht pachten kann, Gott allein gehört. Ich kann aber, wie Jakob, dafür kämpfen, dass er allen zugesprochen wird.
